Eines Tages.

Es bleibt so viel zu tun, unsre Listen bleiben lang,
und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.
Und eines Tages werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken,
die wir hätten erzählen können.
Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen,
werden traurige Konjunktive sein wie:

Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen.

Und dass wir nur faul und feige waren,
das werden wir verschweigen
und uns heimlich wünschen noch ein wenig hier zu bleiben. 

Doch das Leben, das wir führen wollen, 
das können wir selber wählen.
Also los! Schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen!

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Tag 22.

Ich lege eine Pause ein. Seit nunmehr zwei Wochen. Gezwungenermaßen. Denn nachdem ich beim Turntraining nicht nur unschön, sondern auch noch ungünstig gestürzt war, streikte mein Rücken. Bei jedem Schritt vermeldete er Gegenwehr. In einem Maße, das mir wörtlich die Luft zum Atmen nahm.

Also verordnete mir die Ärztin meines Vertrauens eine Trainingspause. Seither bin ich zur Stammkundin der örtlichen Apotheke avanciert. Hier ein Medikament gegen die Schmerzen, da ein Mittelchen für die gute Laune, hier ein Sälbchen für den vielleicht verspannten Muskel, da eine oder auch gern zwanzig Tabletten gegen die Entzündung. Mir scheint es, als würde ich mittlerweile das gesamte Portfolio an Arzneimitteln kennen und als würde ich bei meinem nächsten Schritt in die Apotheke per Handschlag begrüßt. Man kennt sich schließlich.

So stehe ich in Woche vier eigentlich wieder an Tag 1.
Aber aufzugeben ist keine Option. 

Auch wenn siebzig Prozent meiner Mahlzeiten hinsichtlich gesunder Ernährung noch mehr als stark zu wünschen übrig lassen, so lässt sich zumindest Positives von der Frühstücksfront vermelden. Meine Liebe zum zunächst verhassten Porridge ist entbrannt. Äpfel stellten sich als mehr als ungünstige Kombination heraus, aber mit erntefrischen Erdbeeren vom Bauernhof im Nachbardorf sind Overnight-Oats kaum im Geschmack schlagbar. Zudem warte ich bereits ungeduldigst auf die ersten leckeren Nektarinen. Ich kann es kaum erwarten.

Wie sagt man gleich? Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Ebenso wenig lassen sich schlechte Ernährungsangewohnheiten über Nacht ändern. Aber mit der Zeit.

Noch 69 Wochen. 

Tag 1.

3 km. 18 min 13.


Der berühmt berüchtigte erste Tag liegt hinter mir.

Bereits gestern Abend habe ich hochmotiviert mein heutiges Frühstück vorbereitet: Bratapfel-Overnight-Oats. Ich liebe Äpfel. Ich liebe Zimt. Was soll da schon schiefgehen?

Over Night Oats
Bratapfel-Overnight-Oats.

Zugegeben: appetitlich sieht anders aus. Daran muss ich definitiv noch arbeiten, aber es ist noch kein Overnight-Oats-Zusammenrühr-Meister vom Himmel gefallen.
Hier gilt definitiv: Das Auge isst bitte nicht mit.

Geschmacklich … ich drücke es diplomatisch aus: lecker ist irgendwie anders. Eine einzige breiige Pampe ohne Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus und versucht mir auf seinem Weg Richtung Magen einzureden, gesund zu sein und mir auf dem Weg zu einer guten Ernährung behilflich sein zu können.

Lieber beginne ich meinen Tag, wie auch die letzten Jahre – im Prinzip seitdem ich denken kann, mit dem guten Gefühl eines leeren Magens, als ihn mit dem Fünftel meiner täglichen Mindestkalorienzahl zu füllen.

Dennoch löffle ich den Brei, wie man so schön sagt, tapfer bis zur letzten Haferflocke auf, weiß jedoch gleichzeitig, dass es eine Wiederholung dieses Frühstücks nicht geben wird.

 

Projekt.

Sie brauchen ein Projekt.
Etwas, dem Sie sich voll und ganz widmen können. 
Ein Hobby. Ein Ziel. Irgendetwas. 

Frau P. schaut mich an. Frau P. ist meine Psychotherapeutin. Ich nenne sie Frau P., weil es so nicht klingt, als wäre ich verrückt, sondern vielmehr als sei sie eine nette Ratgeberin.

Ein Projekt, also. Etwas, dem ich mich widmen kann.
Eigentlich muss ich nicht lang überlegen, dennoch denke ich während des kurzen Heimweges ununterbrochen darüber nach. Daheim angekommen nehme ich mir ein leeres Heft und schreibe in großen Lettern auf die erste Seite:

Projekt: Marathon 2018.

Schon bevor ich meine Freude am Laufen entdeckt habe, stand auf meiner Liste der Dinge, die ich irgendwann einmal tun möchte, der New-York-Marathon. Nicht an erster Stelle, aber er hatte seinen festen Platz. Seither sind einige Jahre vergangen und meine Liebe zu New York hat nachgelassen, deswegen ist mein jetziges Ziel: München. Im Oktober 2018. Ein ambitioniertes Ziel, weil meine Kondition im Moment gegen -3 läuft, aber es ist ja bekanntlichermaßen nie zu spät, um anzufangen.

72 Wochen.
72 Wochen, um in Form zu kommen.
72 Wochen, um mich gesund zu ernähren.
72 Wochen, um mich mit mir selbst und dem Geschehenen zu versöhnen.

Auf geht’s.

Zeilen.

Aussteigen passiert einfach von allein.
Erst mal merkst du überhaupt nichts.
Du atmest weiter ein,
und du atmest weiter aus,
und du gehst weiter nach draußen
und in dein Bett.

Du bemerkst die Schäden,
aber weil alles andere noch steht
und weil du keine einzige blutende Wunde zu versorgen hast, denkst du,
dass du noch ein bisschen weitermachen kannst.

Schlafen.

Ich bin müde.
Unsagbar müde.
Ich möchte schlafen.
Einfach nur schlafen.
Doch gegen diese Müdigkeit hilft kein Schlaf.

Sie erdrückt mich. 
Hält mich fest. 
Nimmt mich ein. 
Vollkommen. 

Schlafen.
Und erst aufwachen, wenn es gut ist.
Wenn die Welt sich wieder dreht.
Wenn sich der Weg gefunden hat.
Den ich verloren habe.

Wenn ich weiß, welche Richtung ich nehmen muss.
Wenn alles wieder gut ist. 
Wenn die Sonne wieder scheint.
Nicht nur draußen.
Sondern auch in mir.
Für mich.
Mit mir.

Zeilen.

Nur ein unscheinbarer, winziger Moment in deinem Leben,
der gar nichts hätte bedeuten müssen.
Manchmal reicht ein winziger Augenblick aus,
um zu begreifen,
dass nichts jemals wieder so sein wird,
wie es war.

Und eines Morgens stehst du dann vor dem Spiegel
und bleibst vor dem Spiegel stehen,
du bleibst einfach stehen
und bewegst dich keinen Zentimeter mehr weiter. 

Und damit fängt es an.